Vorwort

Artikel



Vorwort von H.-D. Rauscher:

Der erste große allgemeine positiv-kritische Artikel in einer deutschen Tageszeitung erschien in der Wochenendausgabe der "Badischen Zeitung" vom 6./7. November 1965.

Der Titel ist "Karate - Provokation oder Garantie", und wurde nicht etwa von einem Sportredakteur verfaßt, sondern vom damaligen Kultur-Redakteur der Badischen Zeitung, Willi Karow.
Schon seit Ende der 50er Jahre gab es verschiedentlich kleine Artikel in verschiedenen Zeitungen Deutschlands, die entweder über Karate-Technik, über Lehrgänge oder Turniere berichteten.

Die Badische Zeitung war auf die Trainingsarbeit von Hans-D. Rauscher am Institut für Leibesübungen der Universität Freiburg aufmerksam geworden. Redakteur Karow fand die theoretische und praktische Ausbildung der studentischen Karategruppe durch H.-D. Rauscher so interessant, daß er diesen großen Artikel schrieb.
Er kommt schon damals zum Schluß, daß "Karate...ein wirksamer Schutz für jeden Freiheitsliebenden" sein könnte.

Zu dem Artikel sind noch einige Anmerkungen zu machen:
zu jener Zeit war in Europa im Karate überwiegend nur die "Japan Karate Association" unter der Leitung von Masatoshi Nakayama mit ihren japanischen Meistern aktiv. Andere japanische Karate-Organisationen waren fast unbekannt, oder hatten nur lokale oder regionale Bedeutung. Die damalige "Japan Karate Association" hatte eine ganz andere Bedeutung, als die Organisationen gleichen Namens heutzutage.
Die damaligen Karate-Sportschulen waren dem Deutschen Karate Bund ein Dorn im Auge, da sie in den frühen 60er Jahren überwiegend schlecht ausgebildete Trainer hatten, und zumeist keine seriöse Ausbildung garantieren konnten. So befürchtete der DKB damals, daß das Ansehen der jungen Budokunst Karate in der Öffentlichkeit durch solche Sportschulen leiden würde.
Diese Diskussion ist für uns heute kaum noch verständlich. Heute gibt es schlechte und gute Amateurvereine und schlechte und gute Budoschulen. Heutzutage haben die Budo-Sportschulen oft ein außerordentlich hohes Niveau, da ihre Trainer eine sehr umfangreiche Ausbildung nachweisen müssen, oft auch Trainingsaufenthalte mit aufwendiger Intensiv-Fortbildung in Japan. Manche verlangen von ihren Trainern in Japan abgelegte Dan-Grade und japanische Lehrlizenzen.
Dies garantiert dann natürlich ein hohes Ausbildungsniveau.

Der folgende Artikel stammt aus: Kulturteil BADISCHE ZEITUNG Nr. 257, Samstag/Sonntag, 6./7. November 1965, Seite 19
Das Original kann hier in Extrafenster geladen und gelesen werden (362kb).

Karate -- Provokation oder Garantie?

Auch in Freiburg gibt es eine Karategruppe -- Sind die Vorstellungen, die man sich von dieser fernöstlichen Verteidigungskunst macht, richtig oder falsch?


Der Superstarke, der mit wuchtigem Handkantenschlag, dennoch lässig und mit möglichst undurchdringlichem Lächeln mühelos Bretter und Ziegel zertrümmert und dabei behauptet, es gelänge ihm, jeden nur erdenklichen Schädel, und sei es auch ein Dickkopf, auf die gleiche Weise zu spalten, oder der wie James Bond und die anderen zahlreichen Filmagenten (von den wirklichen ganz zu schweigen) mit einer zwar harten und schnellen, aber lautlosen und fast sanftmütig wirkenden Bewegungen alle unliebsamen Gegner kaltschnäuzig ins Jenseits befördert -- diese Gestalt eines Unbezwingbaren, Superstarken ist fast bereits ein dämonisches Symbol geworden. Zeitschriften- und Magazininserate versprechen dem bereitwilligen Eleven, ihn in Kürze zum Meister des Karate zu machen, zum gefährlichen und gefürchteten Mann weit und breit. Rohheit, Brutalität, üble und zynische Tricks werden angepriesen, für nur wenig Geld sind sie frei Haus zu haben, und jeder kann damit tun und lassen was er will. Die meist nur beiläufig auf den Bestellzettel gedruckte Versicherung, die der Schüler zu unterschreiben hat, die "Kunst des lautlosen Tötens" nur in äußersten Notfällen und auch dann nur als Selbstverteidigung anzuwenden, mutet an wie ein ironisches Tüpfelchen und ist anstatt zu beruhigen eher dazu geeignet, die ganze Sache noch geheimnisvoller und makabrer erscheinen zu lassen. Karate droht zu einer Art Bürgerschreck zu werden. Der friedvolle sieht sich bereits nur noch mit eingezogenen Schultern durch die nächtlichen Straßen schleichen, der Raufbold ergeht sich in den Vorgefühlen späterer Unbezwingbarkeit.

Über 2000 Jahre alt

Ohne die Gefährlichkeit dieser Verteidigungskunst Begatellisieren zu wollen, sei dennoch einmal nüchtern danach gefragt, was es mit dieser Kunst eigentlich auf sich hat: worin bestehen ihr Wesen und ihre Form, und ist das oben entworfene Bild Zerrbild oder Wirklichkeit? -- Die Legende berichtet, daß Karate (was soviel bedeutet wie leere, unbewaffnete Hände) im 5. Jahrhundert vor Christus von buddhistischen Mönchen in China entwickelt worden ist. Damals war ihnen das Waffentragen verboten. Es müssen jedoch unsichere Zeiten gewesen sein, die Wälder steckten voller Wegelagerer, Fehden und Kriege durchzogen das Land. Um jene Zeit muß einer von ihnen auf die Idee gekommen sein, daß man die eigenen Gliedmaßen, seien es nun die Füße, die Hände, die Faust, Fußkante, Ellbogen oder Knie, zu recht wirkungsvollen Verteidigungswaffen ausbilden kann, wenn man nur durch systematisches Training die Muskulatur genügend schult und jede einzelne Bewegung dergestalt berechnet und ausfeilt, daß bei geringem Kraftaufwand der möglichst größte Effekt erzielt werden kann, sowohl hinsichtlich der Kraft wie der Schnelligkeit und Genauigkeit. Ebenso wichtig war es, die eigene Standfestigkeit durch entsprechende Schrittbewegungen fortwährend abzusichern. Um den Treffern die notwendige Wirksamkeit verleihen zu können, mußte schließlich noch herausgefunden werden, wo am Körper die verwundbaren Stellen zu finden sind. Auf diese Weise bildeten sich nach und nach einzelne Praktiken heraus, die, sofern ernstlich angewandt, selbstverständlich auch tödlich sein konnten.

Trotzdem ist Karate seinem Ursprung wie seinem Wesen nach eine defensive Kunst. Sie besitzt echten Verteidigungscharakter und entspricht damit durchaus der fernöstlichen Lebenshaltung und Philosophie, die immer mehr passiv als aktiv gewesen ist. Die Devise vom Angriff als der besten Verteidigung wurde nicht im Osten geprägt. Sie ist typisch westliches Gedankengut und findet ihren sinnfälligen Ausdruck beispielsweise um Boxsport. Denn hier ist alles darauf ausgerichtet, den Gegner durch geschicktes Manövrieren und Angreifen auf die Bretter zu zwingen. Die eigene Verteidigung, um die es einmal überspitzt zu sagen, ist bereits ein Zeichen dafür, daß die Initiative an den anderen übergegangen ist, und damit fast schon eine Schwäche. Im Karate ist es umgekehrt: zunächst die Abwehrreaktion, dann, möglichst gleichzeitig, der Gegenangriff, der darauf abzielt, den Gegner unschädlich zu machen, ihm und sich selbst jede weitere Mühe zu ersparen.
Der Leiter des Karate-Dojos der Universität Freiburg, Hans-Dieter Rauscher, demonstriert seinen Schülern, wie man nach der Abwehr eines Faustangriffs, dem ein geschicktes Ausweichen vorausgegangen ist, mit einem Gegenangriff, ausgeführt mir der flachen Handkante, antworten kann.


Das Gefühl der eigenen Sicherheit

Über Jahrhunderte blieb diese zweifellos wirksamste der waffenlosen Verteidigungskünste geheim. Im Mittelalter kam sie auf die heute zu Japan gehörende Insel Okinawa, und erst zu Anfang unseres Jahrhunderts brachte Gichin Funakoshi sie von dort nach Japan mit. Er ist der eigentliche Begründer des Karate in seiner heutigen Form. Er schied viele der im Laufe der Zeit verrohten und unbrauchbar gewordenen Praktiken aus. So entstand aus der geheimen Kunst ein Kampfsport, in dem sich das Nützliche mit dem Ideelen verbindet. Denn ein Gefühl eigener Sicherheit zu haben, ist ein Wunsch, wie ihn sihcerlich jeder hegt. Dennoch ist die Exaktheit der Bewegungen, die eine solche Sicherheit verbürgt, nicht ohne ständiges Üben und unermüdlich Geduld erlernbar, sie ist sogar in einem gewissen Sinne erst dann garantiert, wenn die Paraden und Reaktionen nicht mehr vom Bewußtsein und damit vom Willen gesteuert sind, sondern in Art bedingter Reflexe aus dem Unterbewußtsein erfolgen.

Nach 1945 als Folge der amerikanischen Besetzung Japans wurde Karate auch in westlichen Ländern bekannt. Es erfreute sich sehr rasch wachsenden Interesses. 1961 wurde der Deutsche Karate-Bund gegründet, der, wie er ausdrücklich betont, der einzige Amateurverband Deutschlands ist, der von Japan Karate Association anerkannt wurde. Er führt jährlich Lehrgänge und Meisterschaften durch und hat nicht sleten auch hohe japanische Lehrer zu Gast. Mit Nachdruck distanziert sich der Verband von allen gewerblichen Karateschulen, denen er Sensationsmache, Gewinnsucht und auch zum Teil unsaubere Praktiken vorwirft. Der Deutsche Karate-Bund setzt sich gegenwärtig aus etwa 40 Gruppen zusammen, von denen die Freiburger seit 1961 besteht. Ihr Leiter, Hans-Dieter Rauscher, ist selbst Gründungsmitglied des DKB, und besitzt zudem eine der ältesten Lehrlizenzen in Deutschland. Seit SOmmer 1965 steht dem Freiburger "Dojo" die Sporthalle des Instituts für Leibesübungen zur Verfügung, dank dem Weitblick seines Direktors, Gerschler, der Karate in Japan kennenlernte und sich von seinem körperbildenden und erzieherischen Wert überzeugen konnte. Damit ist Freiburg neben Göttingen zur Zeit die einzige Universität, an der im Rahmen des freiwilligen Sportbetriebs Karate gelehrt werden kann.

Nach strengen Regeln

Spätestens an dieser Stelle wird man sich fragen, in welcher Form Karate als Kampfsport betrieben wird. Wie ist es möglich, eine an scih doch gefährlich Kunst, ohne ihren Charakter zu schwächen, so zu entschärfen, daß Unfälle aller Wahrscheinlichkeit nach vermieden werden? Die Unfallquote ist im Vergleich mit anderen Sportarten sogar auffallend gering, was vielleicht auf zwei Ursachen zurückzuführen ist: um zu trainieren, bedarf es keinerlei Geräte, nicht mal einer Matte. Alle Bewegungen werden mit bloßen Füßen auf blankem Boden ausgeführt. Ferner übt in der Regel jeder für sich alleine, wenn auch gemensam mit der Gruppe. Dem Anfänger werden zunächst die Grundelemente von Schritt und Bewegung beigebracht; er lernt die einzelnen Abwehr- und Angriffstechniken, wobei alle Gliedmaßen des Körpers eingesetzt werden. Weiter erlernt er, wie er seine Bewegungen rationalisieren, seine Kraft intensivieren, Schnelligkeit und Reaktion steigern kann. Einsolches ständiges An-sich-selber-Feilen, vom Lehrer behutsam korrigiert, erfordert natürlich ein nicht geringes Maß an Geduld, Konzentration und sehr viel Ruhe. Erst wenn der Schüler gewisse Fähigkeiten und Erfahrungen besitzt, wird er zum Partnertraining zugelassen, wobei er vorderhand noch einfachen und ungefährlichen Situationen gegenübersteht. Auch hier gilt das Maß der langsamen und stetigen Steigerung. Unbedingt zu beachten ist jedoch, daß alle Angriffe kurz vor ihrem Ziel abgestoppt werden müssen.

Den Raum und auch die Gruppe selbst nennt man "Dojo", was Meditationsraum bedeutet und auf die buddhistischen Tempel zurückweist, in denen Karate zuerst gelehrt worden war. Man will damit bedeuten, daß die Übungen sowohl technisch-pysischer wie geistiger Art sind.
Zwei Karatesportler im Kampf Mann gegen Mann, von denen der rechte gerade einen "Yoko-Tobi-Geri" (gesprungener Fußstoß seitwärts) ausführt, den der andere mit einer Sperrtechnik abzuwehren versucht.
Dreijähriges Studium erforderlich

Mit der Zeit haben sich einige Turnierformen herausgebildet: Die "Kata", ein beim ersten Zuschauen recht eigenwillig anmutender Tanz, stellt eine Art chinesichen Schattenboxens dar, bei dem sich ein einzelner gegen sechs oder auch mehr imaginäre Gegner wehrt. Die andere Form des Wettkampfes ist das "Kumite", ein Zweikampf, bei dem jeder seine ganze Fähigkeit, sein Geschick und Können unter Beweis stellen kann. Auch hier gilt, daß die Angriffe kurz vor dem Ziel abgestoppt werden müssen.

Die Teilnahme an den Turnieren setzt große Praxis und einwandfreies Können voraus, und so kann es nicht verwundern, daß in der Regel nur Meister zu diesen zugelassen sind. Um den ersten Dan zu erringen, bedarf es eines mindestens dreijährigen intensiven Studiums und obendrein einer Prüfung, bei der nach sehr strengen Gesichtspunkten gewertet wird. Wer freilich nur die Selbstverteidigung erlernen möchte, der wird nach einem mehrmonatigen intensiven Training bereits das Rüstzeug dazu besitzen; mithin auch das Gefühl, nicht mehr jeder Situation hilflos gegenüberzustehen. Er weiß, daß er sich wehren kann, das verpflivhtet ihn aber auch, jedem Kampf nach Möglcihkeit auszuweichen und sich lieber zu entziehen, als sich zu stellen. Die Erkenntnis, daß Sich-Entziehen nich Flucht und nicht Feigheit ist , sondern Achtung vor dem Menschen, selbst noch im Gegner, dem man eine gefährliche Kampfweise nicht aufzwingen möchte, erfordert allerdings eine gewisse innere Ruhe und Überlegenheit, die der Anfänger noch nicht ohne weiteres wird aufbringen können. Es soll daher nicht bestritten werden, daß die Gefahr eines Mißbrauchs der Techniken gegeben ist. Aber wer wird schon eine Axt deshalb verdammen, weil man mit ihr unter Umständen auch morden kann? Immerhin, eine Axt kann sich jeder beschaffen, die Techniken des Karate erschließen sich nur dem, der sich ernstlich um sie bemüht. Es ist kaum anzunehmen, daß die Rowdies, die unsere Straßen unsicher machen, jene Geduld und Konzentration aufbringen werden, die für ein wirksamens Karate notwendig ist.

Im übrigen scheint eine tiefgründige Ironie darin zu liegen, und sie bewahrheitet sich auch im politischen Leben, daß menschlichem Dasein nur dann der Frieden garantiert ist, wenn es sich grüstet und gewappnet hat. Was im Politischen gilt. gilt auch im Privaten. Beide voneinander trennen zu wollen, wäre Utopie. Möglciherweise ist Karate daher innerhalb der privaten Sphäre durchaus ein wirksamer Schutz für jeden Friedliebenden.       Ka.

17.09.2000
Copyright © 2000  IMAF-Germany & Christian Manz.  All rights reserved.